Simone Rosenow
"kein beginnen, dass anfing wie´s ausging"
Rede von Gabriela Schwan, Kunsthistorikerin
Kunstkreis Tuttlingen, 17. Januar 2025
Nachdem der Kunstkreis in den letzten beiden Jahren mit Robert Barta und Regina Baierl zwei Künstler*innen ausgestellt hat, die den sogenannten „Ausstieg aus der Malerei“ betreiben, zeigen wir heute eigentlich ganz klassisch Malerei und Zeichnung. Auf traditionellen Bildträgern, textilen Gründen und Papier, und mit tradierten Malmitteln wie Öl, Acryl, Aquarell, Graphit und Kohle und Zeichenstiften.
Soweit Vertrautes!
Aber wie unsere Künstlerin ins Bildgeviert hineingestaltet ist eine radikale Absage an klassische Kompositionsgefüge.
An deren Stelle tritt aber keine beliebige Verteilung der bildnerischen Elemente, sondern eine nach IHREN Gesichtspunkten neu orientierte Gestaltung.
Während in der Kunst des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts die Harmonie auf das klassische Ideal begrenzt wurde, konnte die Kunst der Moderne sich von diesem alten Harmonieprinzip distanzieren, ohne den Kunstanspruch aufzugeben, was de facto zu einer Abwertung des traditionellen Harmonieprinzips führte.
So wirkt Rosenows Malerei mit antagonistischer, auch disharmonischer Kraft, wie ein Ausgleich gegen beschönigende Harmonisierung in vielen Bereichen der Kunst. Man könnte es sich auch einfach machen und diese Kunst frei nach Nietzsche als dionysisch statt appolinisch bezeichnen.
So sind ihre Werke unvoreingenommen die Rezeption eines ästhetischen Phänomens mit Tiefendimension. Hierfür müssen wir aber zunächst den Begriff Ästhetik ethymologisch definieren. Im Griechischen bedeutet das Wort aísthesis nichts anderes als Wahrnehmung oder Empfindung. Zunächst also eine allgemeine und wertfreie Bezeichnung. Im philosophischen Sinne haben wir daraus heute die Lehre von der Schönheit und Harmonie gemacht. Schönheit kann man aber auch im Unästhetischen also Unharmonischen finden, im Wahrhaftigen, im Echten und Überzeugenden. Wir müssen uns deshalb fragen, ob der Ästhetikbegriff heute noch tragbar ist.
Ist Rosenows Kunst jetzt im üblichen Sinne des Wortes unästhetisch? Gewiss nicht, zarte Strukturen und harmonische Farbgebungen widersprechen dieser Auffassung, aber nur von Geschmackssache zu reden, greift bei ihrer Kunst viel zu kurz.
Es ist der hartnäckige, ständige Versuch gegen gesellschaftliche Konventionen mit kontraästhetischer, visueller Gestaltung anzukämpfen, die irgendwann auch als Ästhetik (im Sinne von Schönheit) wahrgenommen werden kann.
Es ist zwar des Betrachters Freiheit zu sagen, gefällt mir, gefällt mir nicht, aber wir wissen doch eigentlich schon längst, dass reines Wohlgefallen kein verlässliches Kriterium für gute Kunst ist. Wir haben es weder mit einer angewandten noch einer allgemeinen, sondern einer speziellen Ästhetik zu tun und, ich muss jetzt Marcuse zitieren, „es gelingt nicht, diese Ästhetik als Kulinarismus zu sehen.“
Wir sehen in ihrer Malerei keine Naturanlehnung im gegenständlichen Sinne. Sie macht im eher Übertragenen „Unsichtbares sichtbar“, wenn man auch bei manchen Werken in den Linienstrukturen durchaus Landschaft erkennen mag. Es bleibt aber bei der anti-illusionistischen Flächigkeit.
Die hinlänglich bekannte Harmoniebedürftigkeit des sogenannten kultivierten Menschen, wird von ihr nicht bedient.
Aber schon in den 20ern sagte Kandinsky: „Die Disharmonie von heute wird die Harmonie von morgen sein“.
Sie verweist darauf, dass ihre Bilder wesentlich mit Hilfe oder besser gesagt in Analogie, initial und begleitend, aus Musik aber auch Lyrik erwachsen.
Dabei kann es sich um vertraute Klassik handeln, aber auch um ungewohnte Klänge, wie die Musik von Sascha Henkel, den wir später noch hören werden. Weder diese Musik noch ihre Malerei zeigen kompositorisch vertraute Schemata, sie erscheinen in Andeutung atonal.
Beide künstlerischen Disziplinen leben vom Improvisatorischen, dem Reagieren auf Vorausgegangenes, ihre erste Pinselbewegung oder der erste Graphitstrich sind nach ihrer Aussage oft eine Entsprechung der gehörten Musik, wie eine nicht räumliche Ensemblearbeit als soziale Plastik, eine positive Verfransung der Gattungen.
Gemeinsam ist der bildenden Kunst und der Musik auch ein Teil ihres Vokabulars. Was da nun Huhn, was da Ei war, kann man sicher versuchen herauszufinden, das soll aber heute nicht unser Thema sein. In Beiden spricht man von „Tönen“, hellen und dunklen, lauten und leisen, kalten und warmen, aber auch Rhythmen werden in beiden Disziplinen genannt.
Nicht nur das abgeschlossene Werk erscheint relevant, sondern auch das Ereignis, der Prozess des Schaffens, mit dem erstarrte Formen und auch die Rezeption des Kunstwerks aufgebrochen werden sollen, entsprechend einer kommenden Veränderung der Welt.
Und wieder einmal müssen wir über die Begriffe abstrakt und konkret sprechen.
Jeder Kunsthistoriker weiß, dass es bereits zu Beginn der gegenstandslosen Malerei zu einer fatalen Begriffsverdrehung kam. Ein berühmtes Bild von René Magritte heißt „Ceci n´est pas une pipe“ und zeigt, wie könnte es anders sein, eine Pfeife. Aber trotzdem ist der Titel korrekt, denn das Bild zeigt eine Pfeife, ist aber keine, denn man kann mit ihr nicht rauchen. Es IST Farbe und Form.
Jedes Foto ist abstrakt und möglicherweise könnte ein fiktives Mitglied einer fiktiven Zivilisation, die ohne Kontakt zu unserer westlich geprägten Lebensweise existieren würde, mit einem Rosenow-Gemälde, das auf Intuition und Inspiration beruht, mehr anfangen als mit einem Foto.
Ein Teil meiner Eröffnung ist deshalb auch ein Plädoyer für diese Art der Malerei, die nach wie vor von einigen Bevölkerungsgruppen, als beliebig angesehen wird. Anwesende ausdrücklich ausgenommen!
Vielen Betrachterinnen fällt es noch immer schwer zu akzeptieren oder zu verstehen, dass es Malerei gibt, die von vorne herein nichts Gegenständliches darstellen möchte, oder auch noch nicht mal eine Abstraktion eines realen Objekts ist. Hier sind wir nun, Farbe und Form, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das reine Handwerkszeug des Gestaltenden, reduziert auf das absolut Notwendige.
Auch die Formensprache ist denkbar minimalistisch, Punkt, Linie, Fläche sind das ursächliche Vokabular, mit dem Simone Rosenow ihre Kunst schafft.
Aber wieder mal ist hier das Ganze mehr als die Summe der Teile. Also eine Art Komposition? Oder eher eine Akomposition?
Früher wie heute gilt: Zeitgenössische Kunst kann und darf naturgemäß zunächst einmal unverständlich sein, das muss aber nicht so bleiben. Dazu bedarf es allerdings der Bereitschaft des Betrachters die Fremdsprache der Bildwerke zu erkennen und sie lernen zu wollen.
Immer wieder war und ist diese Bereitschaft nicht vorhanden und statt dessen wurde und wird eine Art Scharlatanerie unterstellt. Hier sollte, genauso wie in der Justiz, die Unschuldsvermutung gelten.
Simone Rosenow verweigert geradezu jegliche abendländische, eurozentrische Gestaltungsstruktur.
Ihrem schöpferischen Vorgehen kann man fast pathetisch wie folgt nahekommen: Am Anfang war die akustische Schwingung, die mit bildnerischen Mitteln eine Entsprechung durch ihre Hand findet. Vor ihrem geistigen Auge visualisiert sie trotzdem kein fertiges Bild. Sie entwickelt Zug um Zug eine malerische Akkumulation, bis ein zufriedenstellendes Bildwerk vor ihr auf der Staffelei steht oder eher an der Wand hängt.
Das bedeutet unter dem Strich: Sie beginnt ein Bild, von dem sie am Anfang noch nicht genau weiß, wie es aussehen wird, da es immer eine intuitive oder reflektierte Malreaktion im Wechsel auf das Vorangegangene ist. Eben „kein beginnen, das anfing wie´s ausging.“
Somit sind ihre ästhetischen Phänomene, ihrem Wesen nach, Zeichen auf Grund ontologischer Voraussetzungen.
Sie malt nicht wirklich motorisch, sondern mit Bedacht, obwohl sie selbst manchmal ganz understatementartig von Kritzelei spricht.
Aber es ist eben keine abwertend gedachte Kritzelei, wie sie nebenher beim Telefonieren geschieht, also auch keine vom Surrealismus geprägte „écriture automatique“.
Kandinsky und Paul Klee haben am Bauhaus über die ursächliche Wirkung und Aussage der Linie an sich im Bildgeviert geforscht. Stellen sie sich die Linienspur eines davonfliegenden Luftballons auf einem Blatt Papier vor, leicht gekräuselt von links unten nach rechts oben, für die Bauhäusler ein Ausdruck von Heiterkeit.
Jetzt aber das Gegenteil, eine gebogene Linie von links oben wie ein Wasserfall nach rechts unten weisend, ist ein Zeichen des Traurigen.
Wie jeder sehen kann, geht es in ihrer Bildnerei eben keineswegs um Dekorativität. Aus ihren Werken spricht eine geistige, sich entwickelnde Vorgehensweise der Gestaltung.
In ihrer Ablehnung dieser vordergründigen Dekorativität kann man eine gewollte Disharmonie erkennen, womit wir wieder bei einem Begriff sind, den wir sowohl aus der visuell bildnerischen als auch aus der Klangwelt kennen.
Sie unterläuft antagonistisch jegliche konventionelle Erwartungshandlung, außer bei ihrem Malmaterial, und lässt jede latente Harmoniebedürftigkeit unerfüllt.
Es ist geradezu provokant, diese gängigen Materialien für eine Antiästhetik zu verwenden.
Es ist offensichtlich, mit welcher Ernsthaftigkeit und gestalterische Hartnäckigkeit sie ihre künstlerischen Findungen vorantreibt, stark intuitionsgesteuert. So kann in ihrer Kunst, frei nach Marcuses Ästhetikbegriff, „die Perspektive repressionsfreier Sinnlichkeit“ gegeben sein.
Ihre Bilder sind Dynamiken, also Bewegungsspuren von Pinseln und Stiften, die nicht nur aus der Hand kommen, sondern je nach Bildträger ist auch der ganze Körper beteiligt.
Wir sehen eine Art Niederschrift, wie ihr ja das Kalligraphische durchaus nicht fremd ist. Im bildnerischen Bereich gibt es den bekannten Begriff der Schraffur, die mit Stiften und Griffeln ausgeführt wird.
Bei unserer Künstlerin haben die dichten Linienstrukturen jedoch damit nichts zu tun. Es ist eine Art kompositorische Niederschrift mit nicht grammatischem Antlitz.
Fast tänzerisch kommt eine Expressivität zum Ausdruck, eine Weiterführung des abstrakten Expressionismus, auf jeden Fall ist es auch Ausdruck seelischer Bewegung, die im Idealfall auch vom Betrachter nachvollzogen werden kann.
Womit wir auch im Bereich der Synästhesie angelangt sind. Vassiliy Kandisky, einer der Begründer des abstrakten Expressionismus war ein Synästhetiker. Analog zur Musik empfand er Farben und Formen. Dies ist bei unserer Künstlerin nach eigener Aussage nicht der Fall, aber wir können eine andere Art der Verbindung zwischen Musik und Malerei vermuten, wenn sie von deren Wechselspiel spricht. Dabei sind beide Wege möglich, die bewusste Auseinandersetzung mit einem gewählten Musikstück durch bildnerische Mittel oder auch die unbewusste Anregung durch mehr oder weniger zufällig gehörte Musik. So ergibt sich eine semantische Sinndimension. Eine geistige Auffassung des gesetzten künstlerischen Problems wird sichtbar, das seine Lösung im intellektuellen Kunstwerk findet.
Kandinsky sprach auch von Schwingungen, wie sie nicht nur von Musik, sondern auch von Farbe und Form ausgehen. Und das war gar nicht esoterisch gemeint, denn sowohl bei Schall und Licht sind Wellen immanent.
Bei Erdbeben spricht man von Stoßwellen, die im schlimmsten Falle auch Tsunamiwellen auslösen können.
Sie merken, seismografische Aufzeichnungen führen uns zu den Bildern unserer Künstlerin. Man spricht ja gerne davon, dass Künstler feine Antennen haben oder sogar, dass sie die Antennen sind, die besondere gesellschaftliche Schwingungen wahrnehmen. Sind die Bilder also eine Art Seismogramm? Und welche Empfindungen sind bei den unregelmäßig oszillierenden Pinselstrichen und Stiftelinien ausschlaggebend?
Die Bilder von Simone Rosenow haben unter dieser Sichtweise eine dramatische Struktur, eine Choreologie des Gestischen.
Die Regeln, nach denen ein Werk künstlerische Vollkommenheit erreicht, standen schon immer im Gegensatz zu den Regeln, nach denen es einem Betrachter einfach gefällt. Das war bei Rembrandt der Fall, bei Monet, bei Vincent van Gogh und vielen anderen.
Versuchen Sie einen ästhetischen Genuss zu entwickeln, der sich vom sinnlichen dadurch unterscheidet, dass er nicht absichtlich hervorgerufen werden kann und nicht auf einzelne Sinne beschränkt bleiben muss, sondern bis in die Tiefe der Person reichen und die Ganzheit des Menschen aktivieren kann.
Im besten Falle kann Kunst dann ein tragendes Glücksgefühl hervorrufen, das in einer Zeit, in der durch steigenden und hirnlosen Konsum ein Befriedigungsaufschub nicht mehr möglich zu sein scheint, eine ganz eigene Tugend werden kann.
In unserer Gesellschaft von zunehmender Desavouierung der Moral, auch verursacht durch Wohlstandsverwahrlosung, bieten Kunst und Kultur noch immer die Chance zu nachhaltigem Erkenntnisgewinn statt platter, leichtverdaulicher Zerstreuung.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Gabriela Schwan, Kunsthistorikerin
Simone Rosenow und Jan Douma
"Zwischenraum"
Rede von Annette Hoffmann
Kunstkreis Radbrunnen Breisach, 29. September 2024
Zwischenraum haben Simone Rosenow und Jan Douma ihre gemeinsame Ausstellung genannt. Grund genug, diesen Titel ernst zu nehmen. Doch wie könnte dieser Raum jeweils entstehen? Wie bei den Skulpturen Jan Doumas, die oft ein sehr fragiles Gleichgewicht finden, wie bei den so zarten und offenen Bildern von Simone Rosenow? Fast überraschen diese damit, dass sie sich Zeit und Raum nehmen, um auf dem Bildgrund zu bleiben. Manchmal gibt es rigoros wirkende dunkle senkrechte Striche, die ein Echo in viel feineren Linien finden, die sich zu Farbfeldern öffnen. Manchmal bestimmen breite Pinselschwünge das Bild. Dann wieder kommt es zu spontan erscheinenden Entladungen, die ein Stern sein könnten oder in eine ganz eigene Zeichnung führen. Was bleibt sichtbar, wenn Farbe und Form einander überlagern, ist es ein Zwischenraum für Erinnerungen?
Simone Rosenow arbeitet mit Acrylfarben und Pinseln unterschiedlichster Breite sowie mit Ölkreide. Oft auch auf Papier, doch hier sehen Sie neuere Arbeiten auf grundierter Baumwolle. An Baumwolle schätzt sie Eigenschaften, die ansonsten das Papier hat. Der Widerstand ist geringer als bei der Leinwand. Zeichnung und Malerei lassen sich nicht immer voneinander trennen, sie sind durch einen Gestus miteinander verbunden. „Meine Bewegung ist eine zeichnerische - was auf der Leinwand passiert, ist jedoch malerisch“, sagt sie.
Geboren wurde Simone Rosenow 1966 in Cottbus, in den 1990er Jahren studierte sie in Hildesheim an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Druckgrafik und Kalligrafie. In der Kalligrafie geht es nicht allein um das schöne Schreiben, sondern auch um Vermittlung und Weitergabe von Texten. „Durch die Kalligrafie habe ich gelernt, wie man Bilder macht. Der Strich ist für mich mittlerweile nicht mehr im Hinblick auf einen lesbaren Text interessant, sondern insofern er Strukturen schafft“, sagt Simone Rosenow. Der Strich teilt mit dem Schreiben eine vergleichbare Geste, doch er löst sich von der Bedeutung des Wortes.
Manches mag wie eine Kritzelei wirken. Kritzelei klingt banal, doch man soll sich davon nicht täuschen lassen. Grimms Wörterbuch führt auf, dass kritzeln mehr bedeutet als schlecht zu schreiben. Kritzeln ist auch der Sound, der die Feder macht, wenn sie auf Widerstand stößt. Nicht zuletzt bietet das Kritzeln sehr viel Zwischenraum für Erfindungsgeist und Ideenreichtum. Man kann sich durchaus auch Verkritzeln, wenn man der Dynamik des Zeichnens folgt.
Der andere Pol der Arbeiten von Simone Rosenow ist das Malerische. Dann ist der Bildraum nicht mehr ganz so durchlässig, die Farbe ist flächiger eingesetzt, Farbschlieren übernehmen die Rolle von Linien und brechen die Fläche wiederum auf. Die neueren Arbeiten sind sehr viel farbiger, von Grün- und Purpurtönen bestimmt. Manchmal gibt es Korrespondenzen zwischen den Bildern, sie scheinen einander zu spiegeln.
Simone Rosenow vergleicht ihre Art zu arbeiten mit dem Musizieren. In ihrem Atelier hört sie oft Klassik oder Jazz, Musik jedenfalls, deren Rhythmus und Dynamik sich übertragen. Der Körper der Künstlerin wird zum Instrument, das einen Klangteppich aus Strichen und Farbfeldern schafft. Simone Rosenow sagt, sie halte einen Moment fest; was passiert, wenn etwas passiert.
Wenn man den Titel der gemeinsamen Ausstellung „Zwischenraum“ auf die Skulpturen Jan Doumas bezieht, wirken ihre Oberflächen erst einmal wie eine Abgrenzung gegenüber dem Raum. Unabhängig vom jeweiligen Material sind diese Oberflächen grundsätzlich nicht porös genug, um einen Austausch mit der Umgebung zu ermöglichen. Man sieht die Arbeitsspuren auf dem Holz, Basalt oder Granit. Das satte Schwarz mancher Arbeiten entsteht, indem Jan Douma das Holz von Eiche, Kirsche oder Robinie flämmt und im Anschluss mit Wachs behandelt. Die jeweilige Arbeit scheint dabei an Materialität und Dichte zu gewinnen. Der Künstler, der 1966 in den Niederlanden geboren wurde, versteht das Absengen des Holzes durch das Feuer als eine Form der Konzentration. Material, das sich verwandelt, muss sich nicht unähnlich werden. Es kann sein, dass ein Stück Holz, das beim Bearbeiten ungewöhnlich widerständig war, auch unter dem Einfluss des Feuers so reagiert. Die Flamme ins Spiel zu bringen, bedeutet Kontrolle abzugeben. Für einen Moment ist da ein Konflikt zwischen der Natur des Materials sowie des Feuers und der Kunst. Solange bis das Feuer erstickt ist.
„Ich gehe abstrakt mit einem menschlichen Thema um“, sagt Jan Douma. Man könnte dies, wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett, auf die Hand selbst zurückführen: „Die sozialen Konsequenzen sind in die Struktur und Funktionsweise des menschlichen Körpers gleichsam eingebaut, ganz wie in die der menschlichen Hand. Ich behaupte nicht mehr und nicht weniger, als dass die Fähigkeiten unseres Körpers im Umgang mit materiellen Dingen dieselben sind wie jene Fähigkeiten, auf die wir uns in sozialen Beziehungen stützen.“
Douma stiftet Beziehungen, indem er Teile eines Ganzen zusammenbringt. Manchmal wartet er bis die Steine oder die Holzstämme ihr Pendant gefunden haben. Gewicht und Form der Teile müssen einander nicht ähnlich sein, aber zusammen ein Gleichgewicht erreichen. So dass sie sich mit einfachen Steckverbindungen oder Metallmanschetten zusammenfügen lassen oder auch frei nebeneinander stehen oder aufeinander liegen. Titel wie „Clan“ erzählen von Verwandtschaften. Übergänge und Verbindungen ergeben sich auch, wenn die Arbeiten aus mehreren Segmenten bestehen. Besonders spannungsreich ist, wenn es zur Fugenbildung kommt. Fugen lassen nicht nur die Farbe anders wirken, sondern verändern auch leicht die Ausrichtung der Skulptur.
Über den Zeitraum mehrere Jahre kehrt Jan Douma immer wieder zu bestimmten Titeln zurück. Gleichnamige Arbeiten, die durchgezählt werden, bilden vielleicht weniger Werkgruppen als dass sie Ideen einer Arbeit formulieren. „In between“ etwa gibt es mehrfach. Hier wäre er also wieder der Zwischenraum. Während „Leaning“, „Connect“ sowie „Close“ beschreiben, wie sich die Teile zueinander verhalten. Sie lehnen aneinander, werden verbunden oder sind durch Distanz und Nähe zueinander charakterisiert. Nachdem die Form herausgearbeitet ist, stellt Jan Douma die Teile eines Werkes zueinander in Beziehung und vervollständigt sie. Für diese Tätigkeit braucht es keine Maschine, kein Werkzeug mehr, nur die Hand. Dieses Setzen, aneinander Lehnen und Stellen ist unsere Art, Dinge zu begreifen, den Raum um und zwischen ihnen. Es ist unser tätiges Denken.
Annette Hoffmann
Rosenow | Begegnung
Zeichnung und Malerei
Rede von Dr. Heike Piehler (Auszug)
Kunstverein Bahlingen a. K. | Kunst im Alten Spritzenhaus e.V. Einführung zur Vernissage am 02.07.2023
… „Wer sie (Simone Rosenow) etwas näher kennt, weiß: Beim Malen und auch beim Zeichnen lässt sie sich gern von Musik tragen, am liebsten von Jazz- oder Klassik-Improvisationen. Nun ist das Zusammenwirken von Musik und abstrakten Kompositionen eines der großen Themen in der Kunstgeschichte der Moderne.
Die Freundschaft zwischen Arnold Schönberg und Wassily Kandinsky zu Beginn des 20. Jahrhunderts beispielsweise ist legendär. Während sich Schönberg von der Melodie und den traditionellen Kompositionsschemata löste und die völlig neue Zwölftontechnik entwickelte, löste sich Kandinsky vom abzubildenden Gegenstand und wurde einer der wichtigsten Mitbegründer der abstrakten Malerei. Von einer Wesensverwandtschaft der beiden Persönlichkeiten und ihrer Kunst ist die Rede, aber auch von einer elementaren Kongenialität der neuen Musik und der abstrakten Kunst. Die Moderne brachte eine Emanzipation der Tonalität in der Musik und eine Emanzipation der Bildnerischen Mittel in der Malerei.
Ein Schlüsselerlebnis des 44-jährigen Kandinsky, so ist es überliefert, war der Besuch eines Schönberg-Konzerts in München im Jahr 1911. Unter diesem Eindruck ist seine Impression III (Konzert) entstanden. Es ist nicht sein erstes abstraktes Bild, aber seine eigene Schilderung veranschaulicht seine Intention: Er malt die schwarzen Umrisse eines Flügels, der von einer gelben Fläche umschlossen wird. Das, so beschreibt er, „wirkt so stark, dass es sich direkt vom Hintergrund befreit, in der Luft schwebt und ins Auge springt.“
Während ich diesen kunsthistorischen Bogen spanne, betrachten wir die Malereien von Simone Rosenow. Sucht man nach einer Verortung ihres Werkes in der Kunstgeschichte, so möchte ich es in diese Tradition stellen.
Kandinsky hat sein Lebenswerk der Suche nach einer neuen Art der Komposition und letztlich nach einem neuen Ausdruck des Seelischen gewidmet. Um diesem näher zu kommen, musste in dem künstlerischen Prozess der bewusste Wille umgangen werden – hier wurde das Fundament für eine neue Ästhetik bereitet, die Simone Rosenow und uns heute so vertraut ist. Ich möchte Sie noch tiefer in die Gedankenwelt Kandinskys mitnehmen, mit der die Intentionen von Simone Rosenow eng verknüpft sind.
In seinem berühmten theoretischen Werk Punkt und Linie zu Fläche von 1926 analysiert Kandinsky die bildgestaltenden Elemente an sich und erläutert, was die Qualität einer guten Komposition ausmacht:
„Äußerlich ist jede einzelne zeichnerische oder malerische Form ein Element. Innerlich ist nicht diese Form selbst, sondern die in ihr lebende innere Spannung ein Element.
Und in der Tat materialisieren nicht die äußeren Formen den Inhalt eines malerischen Werkes, sondern die in diesen Formen lebenden Kräfte = Spannungen.
Wenn die Spannungen plötzlich auf eine Zauberart verschwinden oder sterben würden, wäre auch das lebendige Werk sofort tot.“
Schauen wir auf die Malereien von Simone Rosenow: Nicht nur die einzelnen Elemente selbst, sondern ihr Spannungsverhältnis zueinander machen das Bild aus. Die Farben sind – inspiriert von ihrer Irlandreise – bewusst gewählt, und die Pinselsetzungen beziehen sich aufeinander, sie begegnen sich und bedingen einander in der Gesamtkomposition. Jedes – auch zufällige – Detail vermag die innere Spannung zu beeinflussen.
Ein Pinselstrich ist schnell gesetzt, erklärt sie, aber er muss auch „sitzen“, sonst kann er die innere Harmonie und Spannung des Bildes zerstören. Sie arbeitet immer an mehreren Wer-ken parallel, um den Kompositionen Zeit zu geben – zum Trocknen und um ein wenig Distanz zu gewinnen und sie mit neuem Blick betrachten zu können. …“
Kunstverein Bahlingen a. K. | Kunst im Alten Spritzenhaus e.V. Einführung zur Vernissage am 02.07.2023
Die VORAUSSETZUNG. Die Sprache für die Kunstbetrachtung ist bekanntlich eine, die nicht genuin ist. Sie ist entlehnt. Zusammengeklaubt. Sie entspricht unseren Worten für den Alltag, für die Musik, für die Architektur. Wir sprechen von Landschaften – Farblandschaften – und Tönen – Farbtönen – und Räumen – Farbräumen.
Wir betrachten Kompositionen, ohne dass wir sie hören könnten. Wir empfinden Klänge, sehen Rhythmen bis hin zum Staccato, aber die versetzen uns nicht in Bewegung. Oder das zumindest eher selten.
Wenn wir Bilder betrachten und dann darüber, was wir sehen, zu erkennen glauben, sprechen wollen, kann es also zugleich leicht und schwer sein, Worte zu finden. Die richtigen Worte. Denn es gilt, was Botho Strauß in seinem Buch „Oniritti Höhlenbilder“ schreibt:
„Die meisten Fehler, die wir beim Auffassen von Welt, von Leben, von uns selbst begehen, beruhen auf falschen Metaphern, falschen Vergleichen, falschem bildlichen Denken.“1
Das ist die Voraussetzung, unter der ich – vielleicht wir alle – die Betrachtung der Arbeiten von Simone Rosenow beginnen. Angesichts der Bilder suchen wir nach Worten, Vergleichen, anderen Bildern, nach Erinnerungen und Metaphern, nur um uns zu beschreiben, was auf den Bildern ist, was darin passiert und was die Bilder mit uns machen.
Das ERLEBEN. Der erste mir deutlich werdende Eindruck ist der von Geschwindigkeit. Nicht im Sinne einer irgendwie gerichteten Bewegung. [Auch nicht da, wo sich mal ein Pfeil zeigt.] Es ist weder ein Fortgehen noch ein Herkommen. Das was ich meine hat eher mit dem Tempo zu tun, das man körperlich spüren kann, wenn man sich in einen starken Wind stellt. Dann bewegt man selbst sich nicht doch man spürt, wie alles um einen herum unruhig ist, tobt.
Dieser Eindruck ist meine Beschreibung der Manier, wie Simone Rosenow im Ergebnis einer lange währenden Auseinandersetzung mit dem Medium die Farbe zu setzen vermag: als unvermittelt aufblühende, manchmal explodierende, sich auf großen Flächen und in kleinen Räumen behauptende, Felder. Farbfelder, deren Formen sich fortwährend zu verändern scheinen – was sie nicht tun, die sich über die Gevierte der verschiedenen Malgründe hinwegbewegen und diese immer wieder in neuen Formationen besetzen – was sie nicht können. Und die sich vor unseren Augen auflösen – was für eine gewöhnlichere – andere – Malerei suizidal wäre.
Nichts an diesen Bildern ist statisch, angelegt, nichts ist gebaut. Aufgebaut, wie man früher Bilder vom Grund her aufbaute, indem jede Ebene, jede Form zur Bedingung der ihr folgenden wurde. Trotzdem [er]scheint kein Farbfeld am falschen Platz. Sei dies auch noch so offen und fragil, so transparent wie irgend möglich gehalten; oder schiene schier zu zerfließen. Vergleiche mit landschaftlichen Formationen sind deshalb für mich wenig überzeugend. Am Ehesten noch bei einer Reihe kleiner Zeichnungen, den Präludien. Aber das liegt vornehmlich am Format. Doch eine Landschaft im Sinne eines kulturgeschaffenen Raumes, gar Architektur, ist in keiner der Malereien von Simone Rosenow unbewusst gezeigt noch absichtsvoll versteckt. Das wäre dann doch zu einfach, zu schnell erreichbar für die Malerin, denke ich. Und wäre zu kurz gedacht von mir.
Komplizierter, was meint für mich weniger deutlich identifizierbar war die Handhabung der Linie. Ich weiß, Simone Rosenow kann Kalligraphie. Das hat sie hier, in Hildesheim, gelernt, studiert. Aber es mag nach Intuition klingen, vielleicht sogar nach Zufall, wenn ich vor diesen Bildern einfach behauptete, keine Linie verirrt sich.
Ich spräche auch viel lieber vom Verstehen, wie die Dinge [in] der Welt funktionieren; wie sich Leben lebt. Zufälle sind ungeeignet, ein Ganzes zu schaffen, zu sein. Zufälle sind nur Teile, Teilchen im Ablauf des Lebens, von denen wir glauben wollen, sie seien lebensbestimmend, was sie aber nicht sein können. Das Leben ist bestimmt. Ein Zufall ändert nichts. Er macht es höchstens etwas salziger.
Wenn ich daher sage, keine Linie verirrt sich, will dies im übertragenen wie im wortwörtlichen Sinne verstanden sein.
Da gibt es die breiten, farbigen Linien, die oft eher unvermittelt aus den Malgründen treten und, mal raumgreifend, mal verdichtet, das Geviert besetzen, es einnehmen, beleben. Diese, aus der Hand laufenden, schon aus früheren Bildern bekannten und von mir geschätzten Linien sind sehr präsent. Und nicht sie sind es, die zu entschlüsseln kompliziert ist. Es sind die zarten, ganz leichten Linien, die sich in die Flächen und Felder und breiten Streifen aus Farbe einweben, die als Konturen mit vegetabiler Erinnerung, als Blätter und Kelche, über allem malerischen Geschehen zu schweben scheinen. Sie sind nur zu erkennen, wenn man den Bildern sehr [sehr] nahe kommt. Das ist wichtig. Denn in dem Sturm der Malerei, von dem ich anfangs sprach und den Simone Rosenow so überzeugend vorzustellen versteht, übernehmen diese feinen Lineaturen eine wichtige – erzählerische – Aufgabe. Diese Linien bringen Geschichten, Absichten und Ereignisse ins Bild, von denen wir Betrachter nichts ahnten, wenn wir nur im sicheren Abstand davor blieben und uns ihnen nicht auch – ein wenig – auslieferten.
Noch einmal Botho Strauß: „Der Grund allen Geschichtenerzählens ist die Vertreibung aus dem Paradies, das Erzählen kommt aus ursprünglichem Verlust. Wo kein verlorenes Paradies, wo kein goldenes Einst, dort kein Erzählen.“2 – Und kein Malen, möchte ich ergänzen.
Ich sagte, ich spräche lieber vom Verstehen, wie die Dinge [in] der Welt funktionieren; wie sich Leben lebt. Diese feinen Linien auf den Malereien von Simone Rosenow erzählen mehr noch als die darin auffindbaren Zitate genau davon.
Das ECHO. Was bleibt? Was hallt wider? Was geben diese Bilder uns Einzelnen, zurück? Nun nichts, was wir nicht selbst erlebt, nicht selbst gelebt und nicht selbst verloren hätten. Bilder wie sie Simone Rosenow malt, sind, bei allem autobiographischen Zutun der Künstlerin, mehr noch geeignet, ihrem Betrachter etwas über sich selbst zu entlocken.
Ein Bild zu interpretieren heißt, es mit den eigenen Erfahrungen zu spiegeln. Nur aus diesem Grund gefallen uns Bilder oder nicht. Mir gefallen die Bilder von Simone Rosenow.
Das bleibt.
Stefan Skowron
Potsdam und Hildesheim, im Juli 2021
1 Botho Strauß, Oniritti Höhlenbilder, Carl Hanser Verlag, München 2016, S. 24.
2 A.a.O., S. 101.
Rede (Auszug)
von Stephan Orths, Vernissage im STiMM.PUNKT (Freiburg), 25.10.2015
..„In meiner Arbeit werden Papier und Leinwand zum Tanzboden für Bewegung und Klang“, ist ein außergewöhnliches Zitat aus dem künstlerischen statement von Simone Rosenow.
Das zentrale Thema ihrer Zeichnung sei Rhythmus als unmittelbarer Ausdruck unseres Lebens, als Verbindung von Raum und Zeit, heißt es darin weiter. Dabei kommt mir ein Text des Meditationslehrers Dieter Mittelsten-Scheid in den Sinn: Stille in einer lauten Welt. Der Klang des Lebens ist ein Geschehen im Jetzt.
Er erklingt im weiten, strahlenden Raum der Stille, die uns auch jetzt umgibt. Denn Stille ist immer da, auch wenn es in uns oder um uns herum laut ist. Stille ist der Raum, in dem alle Geräusche, alle Klänge, alle Gesänge und alle Worte hörbar werden, und in dem sie wieder verklingen. Sie ist der Raum vor den Formen, die Geburtsstätte der Formen. Stille ist klarer als klarstes Wasser, sie ist durchsichtiger als ein geschliffener Kristall. Ohne den Raum, in dem die Töne verklingen, ohne die Pausen zwischen den Akkorden gäbe es keine Musik. Stille macht hörbar und sichtbar.
Simone Rosenow beschreibt ihren künstlerischen Schaffensprozess als harte Auseinandersetzung mit sich selbst. „Es guckt dich halt alles an, was Du machst: der Strich, die Farbe, die Form, die Fläche“.
Wenn es “wieder soweit“ ist, fühlt es sich zunächst fast an wie eine Grippe, sagt sie. Aber auch etwas Zwangsläufiges, was sich immer wieder seine Bahn bricht. Im Tun dann gewänne die Freiheit zu gestalten, in Beziehung zu setzen, zu übermalen, allerdings regelmäßig die Oberhand. Sie lässt sich dann auf einen künstlerischen Dialog mit dem entstehenden Werk ein. Ein Dialog, der oft lange Zeit - oft auch Jahre - in Anspruch nimmt - immer wieder neue Anläufe verlangt und so ihrem Anspruch zunehmend gerecht wird, etwas Rundes zu schaffen. Etwas Rundes , das im Gegensatz steht zu kurzfristiger Verliebtheit. Eine mühsame aber schöne Reise, seufzt sie.
Nach einer Neuausrichtung ist es dann 2014 – aus heutiger Sicht erfreulicher weise - „wieder soweit“. Zunächst hatte sie die Idee, ihre damals sehr präsente Wut - sogar Angst - in Farbe auszudrücken. Sie hatte erwartet, dass ihr diese Lebensthemen in starken, großen Farben auf der Leinwand wieder begegnen würden. Zu ihrer eigenen Verwunderung führte der Dialog-Prozess mit Farbe, Fläche und Strichen jedoch zu den hier zu bewundernden leichten, zarten, fast zärtlich wirkenden Werken. Rückblickend erinnert sie die Farbe rosa als Farbe des Schmerzesund weist in diesem Zusammenhang auf ein Text der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas:
Farbe
Eigentlich weiß ich nicht viel über Farbe
ich verwende sie intuitiv.
Eigentlich weiß ich nicht viel über Rassismus
mein Wissen reicht nicht mal unter die Haut.
Was willst Du damit sagen, fragt er.
Ach, sagt sie, wusstest Du nicht:
Durch jede Narbe schlägt ein Rosa durch.
Als Simone Rosenow 1989 in Hildesheim ankam, entschloss sie sich zu einem Graphik-Design Studium. Als Schwerpunkte wählte sie damals Aktzeichnen und später im Hauptstudium vor allem Kalligraphie.
Die zentralen Fragen entwickelten sich damals und schimmern auch in ihren heutigen Werken durch: Wie komme ich nach dem Abzeichnen des Aktes auf einer Fläche zum Bild? Noch verstärkt wurde diese Frage von den kalligraphischen Herausforderungen des Anordnens von Buchstaben, Zeilen und Zwischenräumen auf einer Fläche.
Und: wie gelingt es mir die unwillkürlichen Bewegungen des menschliche Models im Verlauf des Gezeichnet-Werdens, ins Portrait mitaufzunehmen? Aus der Entdeckung, dass Schreiben Bewegung auf dem Blatt hinterlässt, entwickelt sich schließlich der Wunsch, sich auch körperlich mit dem werdenden Werk auseinander zu setzen. Schreiben und Kritzeln verlangen die gleiche Körperbewegung und verlangen einen Rhythmus. In der Folge hat Simone Rosenow viel zu Musik gearbeitet. Sie beschreibt ihren Malstil als tänzerisch und stellt immer wieder Bezüge zu Musik, Rhythmus und Bewegung her, wie das Eingangs-Statement ja schon ahnen ließ.
Eine Verbindung, die auf ihren Bildern in den wie tanzend angelegten Formen, Flächen und Strichen für uns Betrachtende tatsächlich sehr erlebbar wird. Mit leichter Hand und feinem Strich, gepaart mit dem ihr eigenen Schwung - aus Formen, Farben - aus Kritzeln und Krakeln setzt sie das Bild in Bewegung....
Ihr starker und lebenslanger innerer Antrieb, Bilder zu malen und ihr Mut „Rauszulassen, was in mir geschieht“ stellen Kraftquellen dar, die es ihr heute – gepaart mit den unterschiedlichsten Erfahrungen ihres Lebens - ermöglicht, sich auf einen bewegten, schöpferischen Dialog einzulassen. Dieser Dialog ist - wie eine Tanz - bereit, sein Wesen im Jetzt des Schaffens zu entfalten. Und er findet damit im Hier und Jetzt des Schaffens Anschluss an das, was wir im Vorfeld als die kreative Stille hervor gehoben haben. Dazu nutzt Simone Rosenow als Anregung und Auftakt in den Dialog auch immer wieder gerne z.B. Bucheinbände oder Textfetzen - und neuerdings tatsächlich auch alte Schulkarten....
Es reizt mich, den ursprünglichen Plan zu überarbeiten bzw zu meinem eigenen zu machen, eröffnet sie. In diese Richtung bietet ihr die Schulkarte als Darstellung und auch als Erinnerungsträger reichhaltige Verbindungen und Gestaltungsmöglichkeiten. ... geradezu Herausforderungen in den Dialog einzusteigen und ihn weiter zu führen mittels eigenen Dialogbeiträgen wie übermalen, hervorheben, durchscheinen lassen, zerstören.
Oft tanzen ihre Formen, Farben und Striche ihren Tanz auf weißem Grund. Umso mehr schwebend und leicht und doch in ausdrucksvoller Beziehung. In einem für ihre Arbeit so charakteristischen ausdrucksstarken Miteinander gewinnen die Elemente vor diesem weißen Hintergrund ... Freiheit.
Für mich repräsentiert das Weiß in ihren Werken die Beziehung zur allumfassenden Stille.
Der Höhepunkt des künstlerischen Dialogs ist für Simone Rosenow dann erreicht, wenn sich jemand angesprochen fühlt. Dann fängt eine Geschichte an, schwärmt sie, eine lange Reise, die nie zu Ende ist.
In diesem Sinne haben wir als Betrachter, die bereit sind, uns bewegen zu lassen, die Chance an dem Schaffensdialog teilzuhaben und unseren eigenen Tanz weiterzuführen.
Das Bild - das künstlerische Werk - ist allerdings auch immer die Grenzfläche zweier Wirklichkeiten. Die eine Wirklichkeit ist die Melodie des Schöpfungsaktes - dieser schöpferische Dialog, von dem bereits Rede war, im Laufe dessen das Werk entsteht. Diese erste Wirklichkeit, die sich im Jetzt entfaltet und verklingt. Es bleibt für den Betrachtenden Geheimnis, wie genau sie erklungen ist. Und Simone Rosenow möchte dieses Geheimnis auch wahren.
Die andere Wirklichkeit liegt in der Welt der Betrachtenden. Diese Wirklichkeit, die sich aus unserem biographischen Erfahrungshintergrund bildet, mit all seinen Erinnerungen, Konditionierungen und Assoziationen, die automatisch in jede Beschreibung einfließen. Oft hören wir dort eine innere Stimme, die vor allem vergleicht, abwägt, analysiert und dann gerne schnell bewertet. Wie leicht verbindet sich unsere Achtsamkeit mit dieser Ich-Welt.....
In der Ich-Welt rücken die Beschreibungen und Interpretationen des Wahrgenommenen oft in den Vordergrund der Aufmerksamkeit, und lassen damit die unmittelbar klingende Musik selbst, oder das Farbspiel der Formen und Striche, in den Hintergrund treten. Dieses Absorbiert-Werden von der Denkwelt mit ihren Bildern ist wie ein Vorhang, den es zu öffnen gilt, um in das direkte Lauschen und Sein einzutauchen.
Ich wage die Behauptung, dass die Bilder von Simone Rosenow, die sie heute sehen können, uns helfen, immer wieder frisch und direkt auf die Stille und die in ihr erklingende Musik mit all den Klängen des Lebens zu lauschen. Gestatten Sie sich und uns in die Unmittelbarkeit des Ertönenden einzutauschen. Fast so, als entstünde die Musik der Bilder durch unser Hören. Und im selben Moment wird die Stille wieder hörbar. Sie gibt der Musik und den Melodien den Raum und den Atem zu sein. Wir hören die Stille zwischen den klingenden Farben, in den Pausen und in den vibrierenden Krakeln.
Der Sufi Mystiker Rumi drückte es in seinem „Lied der Liebe“ so aus: Ganz im Geheimen sprachen der Weise und ich. Ich bat ihn: nenne mir die Geheimnisse der Welt. Er sprach: Schweig… Und lass dir von der Stille die Geheimnisse der Welt erzählen.
Den Bildern von Simone Rosenow kann man Lauschen. Man scheint eingeladen, mittels Horchen in Beziehung zu Treten ... zum Sein!?!?