Presse /Texte

Rede (Ausschnitt)
von Stephan Orths, Vernissage im STiMM.PUNKT (Freiburg), 25.10.2015

...„In meiner Arbeit werden Papier und Leinwand zum Tanzboden für Bewegung und Klang“, ist ein außergewöhnliches Zitat aus dem künstlerischen statement von Simone Rosenow.
Das zentrale Thema ihrer Zeichnung sei Rhythmus als unmittelbarer Ausdruck unseres Lebens, als Verbindung von Raum und Zeit, heißt es darin weiter. Dabei kommt mir ein Text des Meditationslehrers Dieter Mittelsten-Scheid in den Sinn:   Stille in einer lauten Welt. Der Klang des Lebens ist ein Geschehen im Jetzt.
Er erklingt im weiten, strahlenden Raum der Stille, die uns auch jetzt umgibt. Denn Stille ist immer da, auch wenn es in uns oder um uns herum laut ist. Stille ist der Raum, in dem alle Geräusche, alle Klänge, alle Gesänge und alle Worte hörbar werden, und in dem sie wieder verklingen. Sie ist der Raum vor den Formen, die Geburtsstätte der Formen. Stille ist klarer als klarstes Wasser, sie ist durchsichtiger als ein geschliffener Kristall. Ohne den Raum, in dem die Töne verklingen, ohne die Pausen zwischen den Akkorden gäbe es keine Musik. Stille macht hörbar und sichtbar.

Simone Rosenow beschreibt ihren künstlerischen Schaffensprozess als harte Auseinandersetzung mit sich selbst.
„Es guckt dich halt alles an, was Du machst: der Strich, die Farbe, die Form, die Fläche“.
Wenn es “wieder soweit“ ist, fühlt es sich zunächst fast an wie eine Grippe, sagt sie. Aber auch etwas Zwangsläufiges, was sich immer wieder seine Bahn bricht. Im Tun dann gewänne die Freiheit zu gestalten, in Beziehung zu setzen, zu übermalen, allerdings regelmäßig die Oberhand. Sie lässt sich dann auf einen künstlerischen Dialog mit dem entstehenden Werk ein. Ein Dialog, der oft lange Zeit - oft auch Jahre - in Anspruch nimmt - immer wieder neue Anläufe verlangt und so ihrem Anspruch zunehmend gerecht wird, etwas Rundes zu schaffen. Etwas Rundes , das im Gegensatz steht zu kurzfristiger Verliebtheit. Eine mühsame aber schöne Reise, seufzt sie.

Nach einer Neuausrichtung ist es dann 2014 – aus heutiger Sicht erfreulicher weise - „wieder soweit“. Zunächst hatte sie die Idee, ihre damals sehr präsente Wut - sogar Angst - in Farbe auszudrücken. Sie hatte erwartet, dass ihr diese Lebensthemen in starken, großen Farben auf der Leinwand wieder begegnen würden. Zu ihrer eigenen Verwunderung führte der Dialog-Prozess mit Farbe, Fläche und Strichen jedoch zu den hier zu bewundernden leichten, zarten, fast zärtlich wirkenden Werken. Rückblickend erinnert sie die Farbe rosa als Farbe des Schmerzesund weist in diesem Zusammenhang auf ein Text der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas:

Farbe
Eigentlich weiß ich nicht viel über Farbe
ich verwende sie intuitiv.
Eigentlich weiß ich nicht viel über Rassismus
mein Wissen reicht nicht mal unter die Haut.
Was willst Du damit sagen, fragt er.
Ach, sagt sie, wusstest Du nicht:
Durch jede Narbe schlägt ein Rosa durch.

Als Simone Rosenow 1989 in Hildesheim ankam, entschloss sie sich zu einem Graphik-Design Studium.   Als Schwerpunkte wählte sie damals Aktzeichnen und später im Hauptstudium vor allem Kalligraphie.
Die zentralen Fragen entwickelten sich damals und schimmern auch in ihren heutigen Werken durch: Wie komme ich nach dem Abzeichnen des Aktes auf einer Fläche zum Bild? Noch verstärkt wurde diese Frage von den kalligraphischen Herausforderungen des Anordnens von Buchstaben, Zeilen und Zwischenräumen auf einer Fläche.
Und: wie gelingt es mir die unwillkürlichen Bewegungen des menschliche Models im Verlauf des Gezeichnet-Werdens, ins Portrait mitaufzunehmen? Aus der Entdeckung, dass Schreiben Bewegung auf dem Blatt hinterlässt, entwickelt sich schließlich der Wunsch, sich auch körperlich mit dem werdenden Werk auseinander zu setzen. Schreiben und Kritzeln verlangen die gleiche Körperbewegung und verlangen einen Rhythmus. In der Folge hat Simone Rosenow viel zu Musik gearbeitet. Sie beschreibt ihren Malstil als tänzerisch und stellt immer wieder Bezüge zu Musik, Rhythmus und Bewegung her, wie das Eingangs-Statement ja schon ahnen ließ.
Eine Verbindung, die auf ihren Bildern in den wie tanzend angelegten Formen, Flächen und Strichen für uns Betrachtende tatsächlich sehr erlebbar wird. Mit leichter Hand und feinem Strich, gepaart mit dem ihr eigenen Schwung - aus Formen, Farben - aus Kritzeln und Krakeln setzt sie das Bild in Bewegung....

Ihr starker und lebenslanger innerer Antrieb, Bilder zu malen und ihr Mut „Rauszulassen, was in mir geschieht“ stellen Kraftquellen dar, die es ihr heute – gepaart mit den unterschiedlichsten Erfahrungen ihres Lebens - ermöglicht, sich auf einen bewegten, schöpferischen Dialog einzulassen. Dieser Dialog ist - wie eine Tanz - bereit, sein Wesen im Jetzt des Schaffens zu entfalten. Und er findet damit im Hier und Jetzt des Schaffens Anschluss an das, was wir im Vorfeld als die kreative Stille hervor gehoben haben. Dazu nutzt Simone Rosenow als Anregung und Auftakt in den Dialog auch immer wieder gerne z.B. Bucheinbände oder Textfetzen - und neuerdings tatsächlich auch alte Schulkarten....
Es reizt mich, den ursprünglichen Plan zu überarbeiten bzw zu meinem eigenen zu machen, eröffnet sie. In diese Richtung bietet ihr die Schulkarte als Darstellung und auch als Erinnerungsträger reichhaltige Verbindungen und Gestaltungsmöglichkeiten. ... geradezu Herausforderungen in den Dialog einzusteigen und ihn weiter zu führen mittels eigenen Dialogbeiträgen wie übermalen, hervorheben, durchscheinen lassen, zerstören.
Oft tanzen ihre Formen, Farben und Striche ihren Tanz auf weißem Grund. Umso mehr schwebend und leicht und doch in ausdrucksvoller Beziehung. In einem für ihre Arbeit so charakteristischen ausdrucksstarken Miteinander gewinnen die Elemente vor diesem weißen Hintergrund ... Freiheit.
Für mich repräsentiert das Weiß in ihren Werken die Beziehung zur allumfassenden Stille.    

Der Höhepunkt des künstlerischen Dialogs ist für Simone Rosenow dann erreicht, wenn sich jemand angesprochen fühlt. Dann fängt eine Geschichte an, schwärmt sie, eine lange Reise, die nie zu Ende ist.

In diesem Sinne haben wir als Betrachter, die bereit sind, uns bewegen zu lassen, die Chance an dem Schaffensdialog teilzuhaben und unseren eigenen Tanz weiterzuführen.

Das Bild - das künstlerische Werk - ist allerdings auch immer die Grenzfläche zweier Wirklichkeiten. Die eine Wirklichkeit ist die Melodie des Schöpfungsaktes - dieser schöpferische Dialog, von dem bereits Rede war, im Laufe dessen das Werk entsteht. Diese erste Wirklichkeit, die sich im Jetzt entfaltet und verklingt. Es bleibt für den Betrachtenden Geheimnis, wie genau sie erklungen ist. Und Simone Rosenow möchte dieses Geheimnis auch wahren.
Die andere Wirklichkeit liegt in der Welt der Betrachtenden. Diese Wirklichkeit, die sich aus unserem biographischen Erfahrungshintergrund bildet, mit all seinen Erinnerungen, Konditionierungen und Assoziationen, die automatisch in jede Beschreibung einfließen. Oft hören wir dort eine innere Stimme, die vor allem vergleicht, abwägt, analysiert und dann gerne schnell bewertet. Wie leicht verbindet sich unsere Achtsamkeit mit dieser Ich-Welt.....
In der Ich-Welt rücken die Beschreibungen und Interpretationen des Wahrgenommenen oft in den Vordergrund der Aufmerksamkeit, und lassen damit die unmittelbar klingende Musik selbst, oder das Farbspiel der Formen und Striche, in den Hintergrund treten. Dieses Absorbiert-Werden von der Denkwelt mit ihren Bildern ist wie ein Vorhang, den es zu öffnen gilt, um in das direkte Lauschen und Sein einzutauchen.

Ich wage die Behauptung, dass die Bilder von Simone Rosenow, die sie heute sehen können, uns helfen, immer wieder frisch und direkt auf die Stille und die in ihr erklingende Musik mit all den Klängen des Lebens zu lauschen. Gestatten Sie sich und uns in die Unmittelbarkeit des Ertönenden einzutauschen. Fast so, als entstünde die Musik der Bilder durch unser Hören. Und im selben Moment wird die Stille wieder hörbar. Sie gibt der Musik und den Melodien den Raum und den Atem zu sein. Wir hören die Stille zwischen den klingenden Farben, in den Pausen und in den vibrierenden Krakeln.

Der Sufi Mystiker Rumi drückte es in seinem „Lied der Liebe“ so aus: Ganz im Geheimen sprachen der Weise und ich. Ich bat ihn: nenne mir die Geheimnisse der Welt. Er sprach: Schweig… Und lass dir von der Stille die Geheimnisse der Welt erzählen.

Den Bildern von Simone Rosenow kann man Lauschen. Man scheint eingeladen, mittels Horchen in Beziehung zu Treten ... zum Sein!?!?


Rede

von Stefan Skowron (Aachen) zur Eröffnung von „Positionen 3“, 2011, Amtsgericht (Freiburg)

…Ihre (Simone Rosenow´s) autonome ZeichenKunst hat noch einmal an Stärke und Selbstbewusstsein gewonnen. Hier nun braucht es keine Liniatur mehr, um der Sehgewohnheiten willen, die Akzeptanz zu kräftigen und dem Auge einen Landschaftscharakter anzubieten. Alles ist möglich. Jetzt, da der Raum kein Oben und Unten braucht, um als Raum zu gelten. Und die Komposition kein Konstrukt mehr, um als solche erkennbar zu sein. Von den tradierten Bildvorstellungen, den geliebten Topoi, die allesamt zweifelsohne ihre Berechtigung behalten, entfernt sich Simone Rosenow nun weitestgehend. Das vegetabile, das Landschaftliche, die architektonische Erinnerung, die technische Struktur, das Figurale, all das ist nicht mehr von Nöten. Die großen Zeichnungen sind nunmehr ein Spiel von Gewichtungen, von Farbkräften und Feldern, offenen, wachsenden, lebendigen Flächen, hingeraunt wie Halbsätze. Diese Bilder sprechen eine ganz eigene Sprache. Sie erzählen noch immer von Liebe und Hass, von Streit und Harmonie, von Zeit, Endlichkeit, historischer Größe. Doch sie tun das auf ihre Art und Weise. Indem sie uns mit Farben und Gesten reizen oder beruhigen, indem sie in sanften, lichten Flächen über die Ebene fließen oder sich in eiligen, immer dünner werdenden Linien, die wie Krakelee oder ein schnell hingeworfener Gruß wirken, von eben jener weißen Fläche flüchten. Es ist im Grunde ganz einfach. In diesen Bildern ist die ZeichenKunst von Simone Rosenow auf einem neuen Höhepunkt angelangt. Sie beherrscht mit wenigen, dafür wohl gesetzten Flächen und Linien, kleinen Gespinsten und Verwischungen einen Raum, nicht weniger groß als meine Vorstellung vom Leben.


Presse
Südkurier (Waldshut) 2010

... meist kleinformatige Arbeiten aus Papier und Leinen. "Spurensicherung" nennt sie (Simone Rosenow) diese eigenwillige Mischung aus Malerei und Kalligrafie. Und es sind die unterschiedlichsten Spuren: Farb- und Formspuren, kleine geballte Farbanhäufungen, leichte Tupfer oder Linienspuren, die auch eine Musikpartitur sein könnten oder einfach eine Sammlung von Befindlichkeiten. "Die Inhalte, die Bedeutung dieser Zeichen", so Adelheid Pohl, "bleiben in der Schwebe."


Presse
Badische Zeitung (Freiburg) 2009

"Warum sind Erwachsenenbücher nicht bunter?", fragte sich der in Aachen lebende Kunstwissenschaftler Stefan Skowron. Sachen für Kinder seien anders gestaltet, vielleicht "weil das Lernen hier noch ein rein visuelles, euphorisches Erlebnis ist?" Dazu laden auch Simone Rosenows kirchenfenstergroße Papierbahnen ein, beklebt mit Seiten aus Lehrbüchern, Gesangbüchern und anderen Textquellen, teilweise transparent verdeckt von Farbfeldern. Sie passen auch zum Thema "Alles hat seine Zeit". der akustisch wahrgenommene Klang eines Liedes ist, im Vergleich zum visuellen Eindruck, den ein auf Notenpapier fixiertes Lied beim Betrachten hinterläßt, auf andere Weise vergänglich, wiederhol- und kopierbar.


Rede (Ausschnitt)
von Stefan Skowron (Aachen) zur Eröffnung von „Spurensicherung“, 2009, Künstlerhaus mit Galerie (Göttingen)

Es gibt Bilder, denen sieht man deutlich an, dass sie aus Notwendigkeit entstanden sind.
Man erkennt es an der Autorität der Farben; den nach außen gekehrten, nicht verschwiegenen Mustern ihres Auftrags, den Kanten und Verwerfungen an den Rändern der Flächen und den Rhythmen in ihrem Innern; man sieht es dem Schwung der Linien an; den leichten Fehlern, Unvollkommenheiten die nützlich sind und sich immer ergeben, wenn Dringlichkeit und Eifer mit am Werk sind; man erkennt es am Ungestüm der Zeichen, den offen gebliebenen Formen, den Entwürfen von Kraft und Stärke und Bedeutung; auch an den stehen gelassenen, wieder eingebundenen Versuchen sieht man es; und man erkennt es an der Heiterkeit noch im Ernsten, und am Leichten noch im Schweren.
Es gibt Bilder, die diese Notwendigkeit ihres Anfangs nicht leugnen (können); die nicht abgeklärt und selbstsicher daherkommen; die uns die Dinge der Welt nicht bis ins Detail erklären wollen, nicht vorgeben etwas (alles?) besser zu wissen, sondern die einzig Fragen stellen, viel lieber die Grundfesten dieser Welt provozieren, das Oben nach unten wenden und die Körper durchsichtig werden lassen, und uns dadurch mehr Spaß machen aber auch mehr abverlangen als andere Bilder. – Es gibt so Bilder. – Zu diesen Bildern gehören die Arbeiten von Simone Rosenow.....


Presse

Lausitzer Rundschau (Cottbus)

Es gebe zwei Wege zum Kunstwerk, erklärt Matthias Körner. Entweder würde ein Maler alles Gelebte und Erfahrene einbeziehen, wenn er an einem Werk arbeite, dabei die Dinge immer wieder korrigieren und verschieben. Die zweite Methode sei, "alles zu vergessen und auf den richtigen Moment zu warten". Das hundertfach Geübte werde dann mit einem einzigen Pinselstrich auf das Papier gebannt. Körner: "Danach ist nichts mehr zu korrigieren". Genau von dieser Art scheinen Simone Rosenows Bilder.