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"Es gebe zwei Wege zum Kunstwerk, erklärt Matthias Körner. Entweder würde ein Maler alles Gelebte und Erfahrene einbeziehen, wenn er an einem Werk arbeite, dabei die Dinge immer wieder korrigieren und verschieben. Die zweite Methode sei, 'alles zu vergessen und auf den richtigen Moment zu warten'. Das hundertfach Geübte werde dann mit einem einzigen Pinselstrich auf das Papier gebannt. Körner: 'Danach ist nichts mehr zu korrigieren'. Genau von dieser Art scheinen Simone Rosenows Bilder.“ (Lausitzer Rundschau)

 

 

 

Rede von Stefan Skowron (Aachen) anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Spurensicherung“ mit Werken von Simone Rosenow, 26.03.2009, Göttingen, Künstlerhaus mit Galerie

                 Es gibt Bilder, denen sieht man deutlich an, dass sie aus Notwendigkeit entstanden sind.
Man erkennt es an der Autorität der Farben; den nach außen gekehrten, nicht verschwiegenen Mustern ihres Auftrags, den Kanten und Verwerfungen an den Rändern der Flächen und den Rhythmen in ihrem Innern; man sieht es dem Schwung der Linien an; den leichten Fehlern, Unvollkommenheiten die nützlich sind und sich immer ergeben, wenn Dringlichkeit und Eifer mit am Werk sind; man erkennt es am Ungestüm der Zeichen, den offen gebliebenen Formen, den Entwürfen von Kraft und Stärke und Bedeutung; auch an den stehen gelassenen, wieder eingebundenen Versuchen sieht man es; und man erkennt es an der Heiterkeit noch im Ernsten, und am Leichten noch im Schweren.
Es gibt Bilder, die diese Notwendigkeit ihres Anfangs nicht leugnen (können); die nicht abgeklärt und selbstsicher daherkommen; die uns die Dinge der Welt nicht bis ins Detail erklären wollen, nicht vorgeben etwas (alles?) besser zu wissen, sondern die einzig Fragen stellen, viel lieber die Grundfesten dieser Welt provozieren, das Oben nach unten wenden und die Körper durchsichtig werden lassen, und uns dadurch mehr Spaß machen aber auch mehr abverlangen als andere Bilder. – Es gibt so Bilder. – Zu diesen Bildern gehören die Arbeiten von Simone Rosenow.

Amorphe Wesen, keine Figuren, manchmal Materialien, Ausrisse, bildfremde Stoffe, das alles belebt das Geviert. Liegen da, hingewischt von Hand, mit dem Pinsel, dem Besen; vorgetragen als Linie und Fläche, als Körper, Raum, Hülle. Wie zufällig, so scheint es. Was aber trügt. Nichts ist am Ende nur Zufall. Alles ist notwendig. Jede Form liegt genau dort, wo sie sein muss; jeder Rhythmus ist gut getaktet, jedes Maß im Rechten austariert, jede Linie in der Balance. Ein Klang aus Formungen, Farben, Materie. Streng wie Fugen komponiert und zugleich doch bar jeglicher Lähmung freihändig vorgetragen. Voller Heiterkeit im Ernsten, und Leichtigkeit im Schweren.

Von der keinen Fehler verzeihenden Kalligraphie kommend, die mit ihren durchaus strengen Rhythmen, anerkannten Formalien und gerichteten Energien ein – sagen wir – sehr klares handwerkliches Können bevorzugt, hat sich Simone Rosenows Werk in den vergangenen Jahren zwiefach fortentwickelt.
Zum einen ist da eine immer stärker werdende, autonome ZeichenKunst. Aus den ehedem „geschriebenen“ Mustern erwuchsen Horizontlinien, aus den Formalien schoben sich raumverringernde Topographien – Nähe und Ferne offenbarend, die sich zu sehnsuchtsvollen bukolische Landschaften zusammenschlossen. Der Blick darauf mal von weit her, mal aus großer Höhe, glaubt man zumindest seinen eigenen Augen. Aus den Flecken erwuchs eine Welt. Schön, Leuchtend. Melancholisch.
Zum anderen gibt es jetzt platzfordernde, objektreiche Installationen. Hommagen. Lehrstücke für die Fantasie, die den Augenblick so wichtig nehmen wie die lange nachhallende Erkenntnis. Auch sie haben nach meiner festen Überzeugung ihren Ursprung zuvorderst in den kalligraphischen Werken, etwa in den endlos entwundenen „Briefen“, den Stoff- und Papier-Fahnen. Hier nur, heute, wirkt der Umgang mit den Materialien, den Gegenständen und dem Raum lustvoller, sehr viel spielerischer, aber auch, zugegeben, ungebräuchlicher, ungeahnter.

Beide Wege, der der ZeichenKunst wie der der Installation, sind für mich wunderbare Beweise für die Fortführung einer Idee – und um was anderes handelt es sich bei der Kunst, beim „Kunstmachen“, als um das (öffentliche) Drehen und Wenden und Hinterfragen und Zweifeln und Loben oder Befolgen einer IDEE, die der Künstler/die Künstlerin von der Welt hat, ihrer Erscheinung, ihrem Sein?
Ihrem Wesen nach ist schließlich alle Kunst ein beharrliches, fortwährendes Ringen um das Immergleiche, scheinbar Altbekannte, das Oftgesehene; sie ist ein komplexes, höchst variables System aus Zeichen und Materien, das sich zwar wiederholt und das doch stets neu zusammengesetzt auftritt. Ja, Kunst ist ihrem innersten Wesen nach tautologisch – nur dass, wenn sie Qualität hat (gute Kunst ist), sich die Heutige von der Gestrigen absichtsvoll trennt, auch im Zitat.
(Die Idee von der Welt, von der ich eben sprach, für Simone Rosenow könnte sie so lauten: Alles ist poerisch. Alles ist Poesie: das Sehen, das Denken, das Erleben.)

Das tut sie hier. Sich vom Vorhergegangenen trennen. Was wir sehen trennt sich von dem Eingefahrenen und sucht nach neuen Wegen. Das Kalligraphische ist als einziges geblieben, das „geschrieben“ Bild gleichsam als basso continuo in Simone Rosenows Entäußerung als Künstlerin.
 

 

 


 

 
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